Warum ich Musik mache und was ist Wahrheit- ein persönliches Statement

 

Liebe Leser,

 

 aktuell habe ich das starke Bedürfnis zu erläutern, was in mir vorgeht, wenn ich spiele, wie ich an Interpretationen herangehe und warum ich eigentlich Musik mache.

 Musik machen an sich ist eine Form des Ausdrucks, die untrennbar in meiner Persönlichkeit verwurzelt ist. Würde mir das Musikmachen verboten, käme es einem Sprechverbot gleich. Beim Musikmachen versuche ich größtmögliche Energien zu kanalisieren, den Noten Leben, Lebendigkeit und Wahres einfließen zu lassen. Was aber ist Wahres? Dabei müssen wir zum Ursprung des Menschseins zurückforschen. Der Mensch an sich, wie alles in unserer Welt ist Energie. Dies ist ein Naturgesetz. Der menschliche Körper ist Materie gewordene Energie. Bei der Musik ist es so, dass sie sich noch im Energetischen ,puren Zustand befindet. Die Materie gewordene Energie-der Körper- kann krank werden und sterben. Energie an sich geht aber nicht verloren, sie verwandelt sich nur. Ein gesunder Körper ist WAHR, ist das, was für ihn so bestimmt ist. Musik-und das gilt im weitesten Sinne sowie für Interpretation und Komposition- kann aber ebenso erkranken, tot sein. Dann ist sie fern von ihrem Bestimmungszustand. Ich forsche als Interpret der Wahrheit der Musik nach. Mir geht es um den Sinn hinter den Noten.

 Die Noten sind ein verschlüsselter Code zur Wahrheit. Die Komponisten, die den Prüfstein der Zeit überdauert haben, welche wir heute gemeinhin fälschlicherweise als klassische Komponisten bezeichnen, diese also die solche Qualität bewiesen haben, dass man sie noch nach hunderten von Jahren spielt, haben im Allgemeinen Wahrheit erschaffen.

 Wahrheit lässt sich erspüren. Als Interpret weitet sich mein Herz, mein analytischer Geist , und meine Liebe zu den Noten, wenn ich der Wahrheit in einer Interpretation näherkomme.

 

Ich bin ein Klangfetischist! Mein Ohr hat sich mit den Jahren soweit sensibilisiert, dass ich eine präzise Klangvorstellung habe von Wahrheit im Ausdruck. Sicher- es ist meine subjektive Wahrheit, ich kann und will sie niemandem Aufzwingen. Jedoch wehre ich mich, wenn ich missverstanden werde, ich würde mich in der Musik selbst darstellen wollen ,oder eine Show abziehen. Ich suche einfach nur tiefer. Ich möchte den Ausdruck erweitern, allein um mein Klangspektrum zu variieren. Dies gelingt mir nur mithilfe meines gesamten Körpers, zusätzlich spiegeln sich meine Emotionen im Gesicht.

 Was das Publikum im Allgemeinen erreicht, stößt bei einigen Live-Kritikern auf Empören, Entsetzen und Missmut. Interessanterweise sind meine Kritiken zu Audioaufnahmen oft sensationell viel besser. Daraus schließe ich, dass sich Kritiker leider oft von der äußeren Verpackung ablenken lassen, von der Mimik und Gestik, denn vom eigentlichen Klangbild. Leider ist dies eine nur sehr oberflächliche Einschätzung. Die häufigsten Kritikpunkte sind zur Gestik, zu den dynamischen Extremen , zu meinem Aussehen , welches das Publikum blende , und zu meiner Stilistik in Klassik und Barock, speziell meinen klanglichen und rhythmischen Freiheiten in der Musik von Bach.

 Gerade im letzten Konzert erlebte ich eine Kritikerin, die sich direkt in der ersten Reihe auf dem Platz am nächsten zu mir setzte und bei jedem musikalischen Einfall und emotionalen Affekt den Kopf senkte und ihr entsetzen Aufschrieb. Ich würde das Publikum mit meiner virtuosen Technik und meinen souveränen Mehrfachgriffen begeistern, nicht aber die „Profihörer.“ (amüsant am Rande, die Kritikerin verließ direkt nach dem letzten Ton das Konzert, mit „Profihörern“ meint sie ihren Ehemann als Begleitung-ein verhinderter Geiger, wie mir berichtet wurde). Ich hätte das Programm technisch glänzend gemeistert, von Musik war keine Rede,doch gab es wohl „stürmischen Beifall“.

Ich kenne kein Publikum in dieser Welt, welches begeistert ist von souveränen Mehrfachgriffen und daraufhin wild applaudiert oder aufsteht. Das Publikum ist meiner Meinung nach ein großes, höchst instinktives Tier, welches Wahrheit wittert. Und begeistert ist, wenn die Energie fließt.

Diese jedoch, die meinen mehr als die Anderen zu wissen, die vielleicht einen Musiker im Umfeld haben, der sagte so oder so muss man das spielen, die eine Aufnahme gehört haben und denken sie wüssten mehr, sind leider im Endeffekt die Dümmsten, die sich verblenden lassen von Äußerlichkeiten.

Ein bekannter Kritiker in einer großen deutschen Tageszeitung schrieb einmal den kompletten ersten Absatz nur über mein Aussehen, und meine blenderische Wirkung auf das Publikum, verzückt ob meiner Schönheit. Später bezeichnete er mich als geigenden Rotzlöffel, eingebildet. Ich war erstaunt ,wie oberflächlich mich jemand beurteilen kann, der nie ein Wort mit mir gewechselt hat. Mir ginge es nicht um Mozart sondern um Widjaja, ich könne zwar Sachen machen ,die absolut und kolossal beeindrucken ,würde aber nicht wirklich Musik machen und würde Bewunderung einfordern, die ich auch bekäme.

Die Schar von empörten Leserbriefen auf diesen Schmähartikel , die die Rote Karte forderten belustigte mich sehr. Das Publikum ist eben doch ein großes instinktives Tier, das auch mal fauchen kann.

Zur Thematik Stilistik: Mein Mozart ist provokativ-ja. Warum? Er selbst war ein äußerst provokativer Mensch, der zwischen kindischer Albernheit einerseits und genialer Weisheit und Reife andererseits den persönlichen Ausgleich im Extremen suchte. Seine Violinwerke gehe ich von der Oper an, da Mozart in diesem Fach absolut Geniales geleistet hat. Ich kristallisiere die einzelnen Charaktere heraus,wie in einer Minioper, wenn es um die Violinkonzerte geht. In meinem Studium in Berlin habe ich alles über stilistisch formelle Regeln gelernt, was es zu lernen gibt. Informiert ja- routiniert nein!

Bach: seine Musik lebt von der Harmonik. Bach hat die kuriosesten und interessantesten Harmonischen Wendungen von allen Komponisten, und über diese möchte ich nicht hinwegfiedeln. Ich nehme mir Zeit, wo es die Harmonie verlangt, dehne, wo es schmerzt, färbe meinen Klang zerbrechlich ,wo die Musik es mir Vorschreibt. Ich bin ein hingebungsvoller Diener seiner Musik, die ich als Perfektion beschreiben würde. Ich möchte die Musik nackt, ohne Fassade , ohne Maske präsentieren. Als Musik eines intensiven Menschen, eines höchst mystischen und spirituellen Menschen, der mit seiner Musik heilen, lieben und ausgleichen kann. Als analytisches Genie, welcher Struktur als menschliches Naturgesetz verstanden hat, nie aber als digitale Nähmaschine.

Bach muss sensibel gespielt werden, und sofort werde ich bezichtigt, "romantisch" zu spielen.

Aha, also alle Menschen vor 18hundert hatten keine Gefühle?!

Ich selbst reagiere allergisch auf falsche Töne in Bachs Musik, falsch auch im Sinne von unpassend zur Klangsprache, der Klang muss schlackenlos, rein, unsüßlich und echt sein, ohne Parfum. Das bedeutet für mich Stil. Aber nicht die Abtötung des Ausdrucks, der rhythmischen Nuanciertheit.

Je mehr man Bachs Harmonik analysiert und versteht, begreift man, dass diese Musik sowohl im Mikro- als auch im Makrokosmos lebt, dass die Sonaten nicht zu strenger deutscher Hausmusik degradiert werden dürfen, sondern von Detail UND vom großen Bogen leben, und dass jede Harmonie ihre ganz eigene Färbung haben MUSS. Und dass Bach eine Universalität erreicht hat, wie keiner, man kann ihn nicht zerstören, nie. Er ist alles, Anfang und Ende.

 

Seine Musik ist wahrscheinlich die Definition von Wahrheit.

 

IW

 

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